Ruth K.
Die Summer Soap im publikom

Beitrag von der summer-soap-Redaktion
veröffentlicht am 07.07.2000

"Hi, Mama, was gibt's so früh?" "Kind, hab ich Dich etwa geweckt, es ist halb elf." Ruth gähnte "Ja Mama" und stellte die Ohren auf Durchzug. Sie wusste, was jetzt kam. Bevor Mama zum Anlass ihres Anrufes kommen konnte, glaubte sie immer, ihren Mutterpflichten genügen zu müssen. Und wenn auch die mütterliche Besorgnis sich des Telefons bedienen musste, seitdem die Tochter kürzlich in die große Stadt gezogen war, sie war unaufhaltbar. Fragen, Erkundigungen, Ratschläge - da musste man durch.

Von ihrem neuen Job als Kellnerin, der sie bis in den Morgen auf den Beinen hielt, erzählte Ruth - noch - nichts. Sollte Mama doch noch ein Weilchen glauben, Ruth bereite sich voller Ernst auf ihr erstes Semester an der Uni vor und hocke den ganzen schönen Sommertag bis in die Nacht über langweiligen Lehrbüchern, kärglich, aber ehrlich zehrend von den mütterlichen Geldzuweisungen. Der Job brachte zusätzliches Geld, und war keine schlechte Gelegenheit, neue Bekanntschaften zu schließen. Es mussten ja nicht immer so arrogante Schnösel sein wie dieser Typ von gestern Abend. Er hatte einen Martini ("gerührt, nicht geschüttelt!") bestellt und mit einem Blick auf ihr Namensschild gegrinst:"...und ich bin der Wolfgang, meine Freunde sagen Wolf zu mir." Manchmal hasste Ruth ihren Namen. Wie konnten ihre Eltern mit dem schönen rheinischen Familiennamen Käppgen ihrer Tochter den Namen Ruth verpassen !?

"...ja , Mama, Münster ist ein Urwald, und ich werde auch nicht vom Wege abweichen." "Aber Kind, weshalb ich anrufe - Du musst Dich mal um Oma kümmern." "Wieso, ist sie krank?" "Viel schlimmer, ich glaube, Oma ist verrückt geworden." "???" "Sie hat sich vorgestern gemeldet und hat nach Dir gefragt. Sie hat nämlich einen Senioren-Computer-Kurs besucht und will sich jetzt auch so ein Gerät anschaffen." "Ist doch cool , Mama." - Ruth fand ihre Oma wieder prima. Die wollte bestimmt nicht Opas hinterlassene Briefmarkensammlung katalogisieren. "Aber..." "Jetzt sag nicht : Und dass in ihrem Alter , Mama ." "Ach ich weiß nicht. Du sollst jedenfalls mal bei ihr vorbeisehen -es ist doch ganz in deiner Nähe - und sie beraten. Sie scheint ja viel von deinen Erfahrungen zu halten. Ins Internet will sie auch noch, Kind !" Ruth fand ihre Oma oberprima.

Etwa eine dreiviertel Stunde später schob Ruth Käppgen, Aushilfskellnerin und Studentin , ihr Fahrrad aus der Haustür. Wenn sie ihre Oma gleich mit ihrem Besuch überraschte, konnte sie sicher mit einem verspäteten, aber üppigen Frühstück rechnen. Kuchen und Wein musste sie jedenfalls nicht mitbringen. So etwas hatte Oma immer im Haus.

An der zweiten Ampel - natürlich Rot - bremste ein offenes Cabrio kurz neben ihr, bevor es mit Kavaliersstart in die Gelbphase schumacherte. Hatte der Fahrer zu ihr hinübergegrinst? Und war das nicht dieser Schnösel von gestern Abend, den seine Freunde "Wolf" nannten ? ...,


Beitrag von Sarah Schmitz
veröffentlicht am 13.07.2000

"Naaaa...., da ist ja unser Rotkäppchen!" Wolf - oder war es Wolfi?, grinste und zwinkerte ihr zu. "Nein, Sie müssen sich irren. Erstens gehöre ich nicht uns, wer immer das auch sein mag, und zweitens habe ich keinerlei vewandtschaftliche Beziehungen zu einer Märchenfigur. Auf Wiedersehen." Ruth wartete die grüne Ampel gar nicht erst ab, sondern nutzte die Gelegenheit, dass die Straße für kurze Zeit frei war. Gnädig überhörte sie Wolfs Gegengruß:"aber nur im Schlaraffenland", und bog in die Gasse ein, in der ihre Oma wohnte.

"Ach, meine Kleine, an solche Leute musst du dich in der Großstadt gewöhnen." Ruths Oma, eine große, schlanke Frau, goss zwei Gläschen mit Portwein voll. "Na, zum Glück bin ich einigermaßen schlagfertig. Was hat sich dieser Kerl bloß eingebildet?!" "Vergiss diesen Kerl, sag mir lieber, was deine Mutter so über meine Pläne erzählt hat." "Sie ist entsetzt!", lachte Ruth. Ihre Oma lächelte verschmitzt. "Das wollte ich auch erreichen. Wenn die denken, die können mich so einfach in ein Seniorenheim abgeben.... Die sollen ruhig sehen, was ich noch alles kann." "Aber mal ehrlich, Omaleinchen, willst du dir wirklich noch einen Computer anschaffen?"

"Guck doch nicht so dämlich. Warum denn nicht?! Soll ich das Geld, was ich habe, mit ins Grab nehmen? Ne, Kind, ich will auch noch was vom Leben haben. Es muss ja kein großer sein. Was kleines, handliches genügt mir auch. Und der Edgar, der kennt sich mit sowas bestens aus." "Edgar? Wer ist denn das?" "Mein Freund." Ruth verschluckte sich. "Was?!" hechelte sie verstört...


Beitrag von Nicole und Julia
veröffentlicht am 17.07.2000

.."Dein was?!?!?" "Ja, den hab' ich in dem Computerkurs an der VHS kennengelernt. Er ist Informatiker, einer der ersten, die es damals gab! Super sensibel und einfühlsam, hochgewachsen und geduldig. Einfach klasse! Gestern waren wir zusammen im Kino. Also dieser Tom Cruise ist wirklich einsame klasse! Schade, dass der nicht meine Altersklasse ist. Aber ich habe ja jetzt auch den Edgar." "OMA??? HALLO?!?!? Erde an Oma!" Ruth war völlig sprachlos. Und da klingelte es an der Tür! Oma sprang auf, als ob sie über Nacht ihre künstlichen Hüftgelenke wieder abgelegt hätte. "Ich komme!" piepste sie aufgeregt und rannte zur Tür. "Hallo, Schatz! Schön, dass Du da bist. Darf ich Dir meine Enkelin vorstellen? Das ist Ruth!" "Schön, Dich kennenzulernen!" versuchte Edgar das Eis zu brechen.

Ruth brachte keinen Ton hervor und beobachtete skeptisch das "alte" Glück. Die drei schlemmten nun über eine Stunde Brötchen, Joghurt und Portwein... "Na, mein Kind. Was treibt Dich denn nach Münster?" erkundigte sich Edgar. Ruth hatte langsam ihre Sprache wiedergefunden und antwortete verhalten: "Ich fange zum Wintersemester mit Physik an. Die Naturgesetze haben mich schon immer fasziniert. Und außerdem ist da die Männerquote unübertrefflich hoch!" (Anmerkung der Autorinnen: Quantität ist nicht gleich Qualität!) "Kind, das hätte ich von Dir gar nicht erwartet! Du hast ja mehr von mir, als von Deiner Mutter!" grinste die Oma. "Ach, Physik, das ist ja lustig", warf Edgar ein, "mein Enkel ist auch Naturwissenschaftler. Er studiert Mathe! Ihr würdet Euch sicher prima verstehen!"...

Szenenwechsel: eine Woche später... Ruth saß mit ihrer Freundin im Seminarraum XYZ der mathematischen Fakultät/"Mathematischer Einführungskurs für Naturwissenschaftler" und wartete gespannt. Ihre Freundin konnte den Seminarbeginn kaum noch erwarten, "Ich habe gehört, der Tutor ist die reinste Schnitte! Hah, hätte nicht gedacht, dass mir Mathe jemals Spaß machen könnte, aber unter diesen Umständen..." Und da ging auch schon die Tür auf und ein gelgeschleimter, assi-getosteter Mucki-Man stolzierte herein, strich sich selbstverliebt durch die Haare und räusperte sich mit seiner tiefen Stimme, um sich Gehör zu verschaffen: "Hallo zusammen, ich werde Euch in den nächsten 2 Wochen in die Geheimnisse der Mathematik -und vielleicht noch viel mehr - einweihen.

Und mit süffisantem und überheblichem Grinsen in Ruths Richtung sagte er: "Mein Name ist Wolfgang, aber ihr dürft mich Wolf nennen!" Ruth wurde knallrot und flüsterte Ines, ihrer Freundin, ins Ohr: "Oh je, der hat mir gerade noch gefehlt!!!".....


Beitrag von Lena
veröffentlicht am 20.07.2000

Als die beiden Freundinnen nach dem ersten Mathekurs gemütlich durch die münstersche Innenstadt schlenderten, schwärmte Ines ununterbrochen von "Wolf". "Nun sag schon Ruth", drängt Ines, "er ist doch supersüß, oder?" Ruth blieb vor einem Schaufenster von Karstadt stehen und drehte sich zu Ines um. "Ines, der Typ ist ein absolutes Machoschwein! Was findest du an dem??" "Also hör mal, er war doch supernett! Wieso Machoschwein??" "Als ich Samstag gearbeitet hab, war er in der Bar und hat mich total blöd angemacht! So ein selbstherrlicher Kerl, der kann mir echt gestohlen bleiben! Hast du nicht gesehen, wie scheiße er mich vorhin angegrinst hat? Das Matheseminar wird der reinste Horror!" Ines starrte ihre Freundin erstaunt an.

Was war denn mir ihr los? Sie legte einen Arm um Ruths Schulter und sagte, während sie die Auslagen im Schaufenster betrachteten: "Ruth, was ist in dich gefahren? So aufgebracht habe ich dich ja noch nie gesehen! Komm, du musst Wolf ja nicht gleich heiraten, aber klarkommen musst du mit ihm. Im übrigen glaube ich, du hast da etwas überreagiert, ich finde ihn einfach schnuckelig! Ich stehe nun mal auf Muskeln..." Verträumt schaute sie in die Auslagen, ohne zu merken, das Ruth sie kopfschüttelnd von der Seite ansah. "Ines? Haallloooo!! Ich muss los, in ´ner halben Stunde muss ich in die Bar. Wir sehen ns morgen, ok?" Und schon war sie weg. Ines schaute ihr nach und schlenderte dann weiter.

Ruth taten die Füße weh, sie musste sich dringend ein wenig hinsetzen. Dieser Job war einfach anstrengend! Aber heute waren ziemlich viele nette Leute dagewesen, zum Glück aber war Wolf nicht wieder aufgetaucht. "Was habe ich eigentlich gegen ihn?" fragte sie sich im Stillen, als sie sich an einen freien Tisch setzte und die Schürze neben sich auf den Stuhl legte. "Er ist genauso ein Macho wie viele andere auch, und die regen mich auch nicht so auf. Ines hatte Recht, ich habe überreagiert. Was sie wohl gedacht hat!" Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück.

Plötzlich tippte ihr jemand auf die Schulter. Wolf! Schießt es ihr durch den Kopf, und sie setzte sich blitzartig auf. Erleichtert blickte sie ihrer Oma ins Gesicht. "Na meine Kleine, ich dachte, ich schau mir mal an, wo du arbeitest!" Jetzt erst nahm Ruth die enge Lederhose und die modische weiße Bluse ihrer Oma wahr, außerdem stand ein breit lächelnder Edgar neben ihr. "Kann ich euch was zu trinken bringen?" fragte Ruth, die sich blitzartig daran erinnerte, dass sie ja einen Job zu tun hatte. Doch Oma drückte sie wieder auf den Stuhl von dem sie eben aufstehen wollte und setzte sich neben sie. "Nein nein, bleib erstmal einen Moment bei uns sitzen. Edgar und ich wollen dir jemanden vorstellen..." Mit diesen Worten winkte sie jemanden heran, der außerhalb von Ruths Blickfeld stand.


Beitrag von Albrecht Spitzer
veröffentlicht am 27.07.2000

Ruth schaute auf. Und sah ihn. Und dann schluckte sie. Es war gar nicht mal das Aussehen dieses jungen... Mannes, das sie so schlucken ließ. Nein, ganz im Gegenteil, eigentlich sah er richtig gut aus. Er war ungefähr einen Kopf größer als sie selbst. War ein eher dunkler Hauttyp, trug ein schlichtes weißes T-Shirt und eine blaue Jeans. Insgesamt wirkte er sportlich, wenn auch nicht unbedingt durchtrainiert, so hatte er keinen Bauch, keinen sichtbaren jedenfalls. Und er hatte unglaublich lange Wimpern. Es war fast schon unanständig, denn sie umrahmten seine kristallklaren Augen geradezu malerisch. Seine dunkelbraunen, fast schwarzen Haare reichten etwa bis zur Mitte der Ohren und waren locker mittelgescheitelt. Er wirkte fast ein wenig schüchtern, als er ihr etwas unsicher die Rechte entgegenstreckte und sie anlächelte. Und dann dieses Gesicht. Sie war so perplex, dass es ihr im ersten Moment völlig unmöglich war überhaupt zu reagieren. Er sah irgendwie süß aus, wie er so dastand und verlegen zu Boden schaute, als sie auf die dargereichte Hand nicht reagierte. Es war nur so, das Gesicht, es war..., ihr wurde ihre Unhöflichkeit bewusst und sie ergriff die Hand. "Das ist mein Enkel Martin." Die Worte von Edgar kamen wie von weit weg und drangen nur verzögert und unendlich zäh in ihr Bewusstsein ein. Sie konnte den Blick einfach nicht von seinem Gesicht nehmen. "Setz Dich doch einfach Martin." Erst als ihre Oma anfing zu plaudern, was sie gestern erst alles im VHS-Kursus erlebt hatte, kehrte Ruth langsam ins Hier und Jetzt zurück. Es war aber auch so, sie suchte nach dem richtigen Wort, ungewöhnlich. Er selbst war ja nicht so ungewöhnlich, aber das Gesicht... "Was ist los mein Kind? Du wirkst so abwesend? Ist denn deine Arbeit hier so anstrengend?" Diese Gesicht, es war gar nicht das Gesicht selbst, es war mehr... "Ruth!" "Wie... was... ach so. Nein Oma, ich... äh, ich bin nur schon mal... die Abrechnung durchgegangen. Ja, die Abrechnung. Weil... die muss ich heute nämlich machen. Wo ich hier doch neu bin." Ihr Mundwerk fing an, sich zu verselbständigen. Sie musste etwas machen, um nicht fortwährend in dieses Gesicht zu starren. Sie redete weniger bewusst, es war mehr eine Art Reflex. "Da wird mir die Chefin allerdings dabei helfen, auch wenn sie mir das schon mal erklärt hat. Ich soll das aber mal alleine probieren, nur damit ich das schneller alleine kann. Und da bin ich eben schon mal die Abrechnung durchgegangen, weil wenn man das alleine macht, da muss man an viel denken, an..." Weiter kam sie nicht. Denn eine sehr energische Stimme fuhr ihr dazwischen. "Fräulein Käppgen, ich bin ja auch ganz begeistert, dass Bekannte von Ihnen hier sind, aber ich bezahle Sie nicht, damit Sie hier einfach herumsitzen und plauschen. Was würden Sie davon halten, mal zur Abwechslung wieder zu arbeiten! Sie sitzen hier schließlich schon eine Ewigkeit herum!" "Oh ja, Entschuldigung Frau Lauterbach, ich habe nur, weil das hier sind meine Oma und..." "Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich Sie in ihren Ausführungen unterbreche," fuhr die immer energischer werdende Stimme fort und gelangte langsam in einen Tonfall, der, dem Überlebensinstinkt folgend, keinen weiteren Einspruch zuließ. "aber dort drüben an Tisch 23 wartet seit geraumer Zeit ein junger Mann darauf, von Ihnen, wenn auch schon nicht Ihre Aufmerksamkeit, wenigstens die Karte zu bekommen, nicht wahr?" "Ja, natürlich. Bin schon weg." Ruth griff mit der linken Hand eine Karte und mit der rechten ihre Schürze. Und sich diese umbindend hastete sie auf den Tisch zu. Als sie die Karte auf den Tisch legte und fragte, ob und was man denn wohl schon zu trinken haben möchte, und dabei aufsah sah sie in ein das breite Grinsen. Das Grinsen von Wolf. "Fräulein Käppgen, welche Überraschung. Nein, sowas. Sie scheinen ja gerade zu wild darauf zu sein, mich kennen zu lernen."


Beitrag von Jacob und Wilhelm Grimm
veröffentlicht am 01.08.2000

Ruth schluckte.

"Arroganter ...." - die Schimpfwortsammlung, die ihr in der nächsten halben Sekunde durch den Kopf schoss, hätte für ein halbes germanistisches Proseminar ausgereicht.

"Was darf ich denn bringen ?" frug - fragte ? - frug! sie stattdessen. "Einen Martini, gerührt, nicht geschüttelt, wie beim letzten Mal ?". Jetzt kam es darauf an, gegenüber diesem Angeber nicht die Fassung zu verlieren - "Contenance" würde Oma wahrscheinlich sagen.

Dieser Wolf schien beeindruckt. Er hatte wohl darauf spekuliert, dass Ruth stottern, schreien, schluchzen oder mit hochrotem Kopf davonlaufen werde. Da nichts davon geschah, nickte er nur und geriet nunmehr selbst ein wenig ins Stottern: "Gaganz genau, wie letztes Mal !"

Der eine, der unangenehmere, männliche Angriff auf ihr Gefühlsleben, war zunächst abgewehrt. Dass weitere Attacken aus dieser Ecke zu gewärtigen waren, darüber machte sich Ruth indes keine Illusion.

Die andere Gefährdung ihres inneren Gleichgewichts saß immer noch drüben bei ihrer Oma und deren Edgar. Ruth wollte Zeit gewinnen, um sich nicht noch einmal von Martins kristallklaren, langbewimperten Augen aus der Fassung bringen zu lassen.

Der zaghaft erhobene Arm eines merkwürdig altmodisch wirkenden, schon bejahrten Herrn am hinteren Ecktisch erschien ihr wie ein Rettungsanker.

Rasch raunte sie ihrer Kollegin am Ausschank die Bestellung dieses Wolfgang zu, deutete dem ihrer harrenden Trio - Oma, Edgar, Martin - mit hochgezogenen Schultern und leicht abgewinkelten Unterarmen an, dass sie nun wirklich anderes zu tun habe, versprach dann stumm , die Faust mit abgespreiztem kleinen Finger und Daumen ans rechte Ohr haltend, bei Gelegenheit anzurufen.

Der ältere Herr am Ecktisch hatte - so sah es aus - seinen Bruder mitgebracht. Er bestellte in einem etwas fremdartigen, doch nicht unsympathischen Tonfall "zwei große Humpen Bieres, mein Fräulein."

Ruth ließ sich nichts anmerken. Merkwürdig wirkten diese zwei Brüder schon. Aber warum sollten dunkle Schlapphüte, und abgewetzte schwarzlederne Aktentaschen auf etwas anderes verweisen als auf den nicht mehr ganz modischen Geschmack ihrer Besitzer.

Wolfgang bekam seinen Martini und keine Chance zu einer weiteren Anzüglichkeit. Edgar bekam kein Wechselgeld, weil er beim Zahlen lässig abwinkte. Oma war mit diesen langwimprigen Martinsjüngling schon voraus gegangen.

Die zwei älteren Brüder bekamen ihre "Humpen Bieres".

"Ach, sagt man heutzutage denn noch Fräulein, mein Fräulein? Mir schien, der junge Herr dort drüben brauchte den Ausdruck. Meinem Bruder und mit ist zu Ohren gekommen, diese Anrede sei gänzlich verpönt. Wir sammeln nämlich Wörter, müssen Sie wissen."

"Und deren Bedeutung", ließ dieser Bruder sich erstmals vernehmen.

"Und dessen Wandel."

Ruth sah die Zwei perplex an. Ja war sie den hier bei den Germanisten im Fürstenberghaus?


Beitrag von Zwerg-7
veröffentlicht am 03.08.2000

Offenbar stand Ruth dann doch zu auffällig dumm rum. Und deshalb war es auch kein Wunder, dass Frau Lauterbach der mit hochgezogenen Brauen vorgetragene Frage "Ruht Ruth?" (Haaa, dieser Name!) die Ausweisung in die Küche folgen ließ. Spülen! Das bedeutete, dass mit dem Spaß an der Arbeit auch der Trinkgeldzufluss verschwand. Gute Nachricht: Wolfkonfrontationsgefahr gebannt. Schlechte Nachricht: Germanistenbrüderinteresse kaltgestellt. Na ja, ihr Gefühl sagte ihr, dass sie all diese Leute nicht zum letzten Mal getroffen hatte.

Am Abend ging's mit Spülhänden und Freundin Ines in den Schlossgarten. (Nur die Harten komm'n in'n Garten ...) Das hatte Ines nämlich im Stadtnetz angekündigt gefunden: "Kabarett im Schlossgarten" mit Carsten Höfer "Der allererste Gratulant" und Die Leute "Beziehungsweise" am 4.8.2000.

"Ob Wolf wohl auch da ist?" merkte Ines auffällig unauffällig an. "Ob mich das etwa interessiert?" dachte Ruth weniger unauffällig, denn sie vermutete, dass in ihren Augen das Wort "Martin" leuchten dürfte ...

(Liebe RAF, wie ihr seht, spielt dieser Teil erst morgen. Und so konnte mein Beitrag leider nicht länger werden ... ;-)


Beitrag von Stephan König
veröffentlicht am 07.08.2000

Im Schlossgarten zwängte die Abendsonne noch ein paar Strahlen durch die Blätter und Zweige der Hochbotanik.

Ines bugsierte ihre Freundin Ruth an den Rand des Gesträuchs : "Du machst einen echt genervten Eindruck, ich glaub', du musst mal auf andere Gedanken kommen". Ines klaubte aus ihrem Rucksack einen chromsilbrig glänzenden Flachmann, schraubte den Verschluss auf und reichte die Flasche Ruth.

Ruth schnüffelte misstrauisch an der Öffnung :"Äih, was ist das - das riecht gut!"

"Psst", Ines legte den linken Zeigefinger auf die Lippen. - "Das ist auch gut. Erst probieren, dann fragen !"

Bis zum Programmbeginn saßen die zwei auf dem Rasen, rauchten und schauten sich um. Zwischendurch nahmen sie kleine Schlucke aus Ines' Flasche. Zum Quatschen war beiden nicht zumute. Ruth trank mehr als Ines. "Ich muss ja auch raten, was das ist", kicherte sie entschuldigend.

Das Hauptprogramm auf der kleinen Bühne weckte beim Publikum keine "Begeisterungsstürme", wie anderntags auf der Lokalseite der "einen" Zeitung zu lesen war (die nette Reporterin kannte das Programm schon und hatte noch etwas anderes vor an diesem Abend), aber es wurde "freundlich aufgenommen", und diese Stimmungsbeschreibung im Konkurrenzblatt war nicht ganz falsch geraten.

Das Nebenprogramm vor der Bühne hatten Ines und Ruth K. hinterher völlig unterschiedlich in Erinnerung.

Ines meinte, eigentlich habe sie ja garnix mitgekriegt. "Plötzlich war sie weg, ohne was zu sagen. Schnepfe! , hab' ich noch gedacht. Und dann standen diese zwei Oberförstergestalten wie aus dem letzten Jahrhundert vor mir und fragten, ob ich denn allein gekommen sei oder in Begleitung des charmanten Fräuleins, das man vor kurzem durch das Halbdunkel des rückwärtigen Gestrüpps geschleift habe wie einen Verwundeten vom Schlachtfeld. Ich glaub', ich hab'den Mund nicht mehr zugekriegt. Dann laberte der eine was vom Zuhilfeholen staatlicher Autoritäten , und tatsächlich schob der andere kurz darauf so 'nen jungschen Bullen durch die Menge. Na, den Rest könnt ihr euch ja von Ruth erzählen lassen. "

Ruth behauptete dann immer, noch weniger mitbekommen zu haben : " Erst so leicht eine Hand auf der Schulter - ich war irgendwie ganz weggetreten von Ines' Gesöff - dann etwas um den Hals, ein Tuch oder so - und dann weiß ich nichts mehr. Doch - nach Leder hat es gerochen und nach Motorrad und so einem komischen Alkoholzeugs - ich komm' nicht auf den Geruch - nee, nee, Rasierwasser war das nicht. Und dann , als mein Brummschädel wieder anfing zu arbeiten, lag ich irgendwo im Dunkeln und konnte meine Arme und Beine nicht rühren."

"Los, erzähl weiter !" ließ Ruth sich dann jedesmal bitten.

"Also,....."


Beitrag von Carsten Herbote
veröffentlicht am 10.08.2000

Ruth atmete tief durch. "Als sich meine Augen einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich erkennen, dass ich in einem Kelleraum lag. Überall an den Wänden standen Regale und es roch total modrig,...nach Keller eben. Und dann stellte ich fest, warum ich mich nicht bewegen konnte."

"Und warum? Los, erzähl schon", löcherte sie Ines. "Ich war gefesselt! Beine und Handgelenke hatte man mir mit dicken Stricken zusammengebunden. Boar, da hab´ ich aber echt Panik gekriegt. Ich hab mir schon voll die fiesesten Horrorszenarien ausgemalt, so "Schweigen-der-Lämmer-technisch...." "Ist ja schräg. Und weiter?" Ines rückte näher an Ruth heran. "Nun, wie ich da so saß, ging plötzlich die Kellertür auf. Und ich dachte echt, jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen: Adieu schöne Welt. Good-bye ihr unzähligen freizügigen Bekanntschaften. Servus ihr Studenten-Feten. Ciao Muenster." Ines schnappte nach Luft. Sie fuhr sich fahrig durch die Haare. "Und? Und wer stand da in Tür?"

"Echt, du wirst es nicht glauben: in der Tür standen die zwei komischen Typen aus der Bar, die mit den Schlapphüten und den altmodischen Anzügen., von dene ich dir erzaehlt habe. Die kamen mir ja gleich so komisch vor. Nun gut, fing der eine an zu erzählen, von wegen sein Name sei Jakob Grimm und dies wäre sein Bruder Wilhelm und sie gehoeren einem Orden an, ... ich weiß nicht mehr so genau ... war was mit "Grimmschen Brüdern zur Rettung deutschen Sprachgutes" oder so. Auf jeden Fall laberten die völligen Stuss: ich sei in ihren Augen das leibhaftige Rotkaeppchen (stell dir das mal vor), und sie waeren dabei, fleischgewordene Märchenfiguren zu sammeln!!!" Ruth kicherte. "Hast du schon mal sowas Bescheuertes gehört?" Ines schüttelte den Kopf. "Mensch, wo sind die denn ausgebrochen? Obwohl, Typen gibts, die gibts gar nicht. Aber weiter im Text." "O.K", sagte Ruth ," also, als die beiden so daherquatschten wurde mir echt tierisch mulmig, und ich war schon dabei, mir schon eine passende Grabrede auszudenken, als plötzlich die beiden Typen einer nach dem anderen zu Boden fielen." "Wie, haben diese Brüder nen kleinen Infarkt gehabt, oder was?" Ines fand das jetzt alles durchaus sehr spaßig. "Ne", antwortete Ruth. "Jemand hat ihnen was mit der Holzlatte auf den Kopf gegeben. K.O. in der ersten Runde, sage ich dir." "Wer wars denn" ereiferte sich Ines, " hast du deinen Held erkannt?" "Erst nicht. Durch das helle Licht in der Kellertür konnte ich nur einen Umriss erkennen. Aber als mein Retter dann näher kam, ...du wirst nicht glauben, wer das war!!!"


Beitrag von Christiane und Andrea Hansen
veröffentlicht am 14.08.2000

Ines hibbelte mit dem Hintern so auf ihrem Hocker herum, dass jeweils nur ein Hockerbein den Fußboden berührte und die übrigen drei einen gewagten Tanz durch die Luft machten.

"Nu mach's nicht so spannend!"

"Es waren ja eigentlich ..." - Ruth drehte den Kopf, weil hinter ihr sich die Tür öffnete.

"Da sind ja meine Befreier!" , begrüßte sie die drei Eintretenden, riss die Arme zu einer stürmischen Umarmung auseinander (die vier zerdepperten Gläser stellt ihr die Lauterbach später in Rechnung ) und flog auf einen schüchtern vortretenden Jüngling namens Martin zu, drückte ihre Oma und den bei ihr untergehakten Edgar beiseite sowie Martin einen feuchten - aber schon sehr feuchten - Kuss ins Gesicht.

Ines hätte in diesem Augenblick niemanden küssen können, denn dazu muss man die Lippen spitzen. Und mit ihrem herabgeklappten Unterkiefer war das schlechterdings unmöglich. "Und ich dachte schon, ...".

"Dein supersüßer Wolfgang ? Hast dem Kerl also auch nicht getraut! Zu dem komm' ich später noch. Nee, nee, meine Rettung verdanke ich ganz allein drei Dingen: Omas Holzlattenhieben, Martins Aufmerksamkeit (oder heimlicher Verknalltheit !?, d.S. )im Schlossgarten und Edgars detektivischem Gespür, das sehr schnell ahnte, in welchem Versteck ich festgehalten lag."

"Und die beiden Märchenfigurensammler ?"

"WLK! Erst mal rausfinden, was denen in der Birne fehlt. Den Floh, ich sei das leibhaftige Rotkäppchen aus dem Märchenbuch , hat ihnen übrigens 'dein' Wolfgang ins Ohr gesetzt. Ich könnte den Kerl erwürgen !"

"A-a-a-aber das machst du doch schon mit mir!". Martin war es endlich gelungen, sich soweit aus Ruths Umhalsung zu lösen, dass er Luft genug für diesen einen Satz fand.

Fehlte noch irgendjemand? Klar! Ruths Oma und ihr Edgar waren noch nicht zu Wort gekommen. Das musste sich ändern :

"Kinder!", riefen sie gleichzeitig, wenn auch in unterscheidbaren Stimmlagen, "jetzt..."

Der Rest des Satzes ging in Gläsergeklirr unter. Auch die Lauterbach hatte es endlich geschafft, ein Tablett fallen zu lassen.


Beitrag von der RAF (Ruth And Friends)
veröffentlicht am 17.08.2000

Und da Scherben ja Glück bringen, könnte an dieser Stelle unsere Geschichte enden wie ein Märchen.

Wir haben hier das unvermeidliche glückliche Pärchen, Ruth und Martin, die wir im Idyll junger Liebe wohl aufgehoben wissen.

Wir haben weiterhin ein nicht mehr so junges, doch nicht weniger glückliches Pärchen in Gertrud und Edgar. Gertrud ist natürlich Ruths Großmutter, aber sie als "Oma" zu bezeichnen, steht uns nicht mehr zu, jetzt, da wir die Geschichte - fast - ganz kennen.

Gertrud und Edgar wird man wohl demnächst bei verschiedenen Internet-Vorträgen und Kursen wiedersehen, denn Edgar ist fest entschlossen, Gertrud erste Schritte in die virtuellen Welten zu begleiten. "Allein schon, damit dem jungen Volk mehr Zeit für sich selbst bleibt" , versucht er vergeblich, den Uneigennützigen zu spielen.

Und die einsame Ines, Ruths allerbeste Freundin ? Die Einladung zu einem ausgedehnten Wochenend-Brunch in Gertruds Wohnung muss sie leider ausschlagen : "Am Wochende hat Peter ausnahmsweise frei, und wir haben uns zu einem Bummel über das Kreuzviertelfest verabredet."

"Peter ???"

"Ja, Peter ist doch bei der Polizei und hat doch sooo wenig freie Zeit.""

"ist das etwa dieser 'jungsche Bulle' , der auftauchte, nachdem ich verschwunden war?". Ruth wird mit einem Mal sehr hellhörig.

"Ach , was man erst so sagt!" , wiegelt Ines gleich ab, "der erste Eindruck täuscht doch meistens. Und Peter ist einer von den ganz Netten, das wirst du noch sehen."

Wolfgang - Wolf für seine Freunde, wenn er denn welche hat - bleibt verschwunden. Und da ist niemand , der sich nach ihm sehnt.

Und wenn sie nicht gestorben sind,... Ja so könnte unsere Geschichte enden, hätten wir nicht in letzter Sekunde noch eine bemerkenswerte E-Mail erhalten:

"In Ihrer Erzählung vom bezaubernden Fräulein Käppgen ist doch so manches dem Luftreich der Phantasie entnommen. So ist es durchaus nicht der Wahrheit gemäß , daß wir das Fräulein mit Gewalt entführt hätten, um sie in unsere bescheidene Sammlung von Märchenfiguren einzureihen. Hätten wir unter den unterstellten Umständen die Zuhilfenahme staatlicher Autorität anempfohlen? Wohl nicht ! Unsere fehlende Vertrautheit mit den Gepflogenheiten eines Zeitalters, das uns zu skurrilen alten Männern macht, das uns hinwieder ebenso befremdlich vorkommt, wie wir den Heutigen erscheinen, wurde von diesem jungen Herr Wolf ausgenutzt. Welchem Zweck seine Übeltaten dienten, deren Opfer Fräulein Käppgen wurde und zu deren Verschleierung er uns mißbrauchte - wir wissen es nicht. Um ihn zu finden und dies Geheimnis zu lüften, war es nötig, daß wir das Anwesen verließen, auf das man uns durchaus gegen unseren Willen verbracht hat. Sobald wir jenen Herrn Wolf , den aufzuspüren wir nun fest gewillt , zur Rede stellen können, werden wir Ihnen unser Wissen nicht verhehlen.

Leben Sie wohl! Ihre Ihnen wohlgewogene Summer-Soap Redaktion

Zurück:
zur Info-Seite